
Das markante Knacken beim Biss in einen Apfel, das Kauen eines Kaugummis, das plötzliche Platzen eines Luftballons, das stetige Rauschen fließenden Wassers oder das energische Zuschlagen einer Tür können für Menschen mit Geräuschüberempfindlichkeit eine erhebliche Herausforderung darstellen. Solche alltäglichen Geräusche lösen bei ihnen oft Schmerzen, Unbehagen, Wut oder Angst aus.
Eine Geräuschempfindlichkeit beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen und kann von milden bis hin zu schweren Formen variieren. Im Folgenden werden die verschiedenen Störungen betrachtet, um ein besseres Verständnis für deren Diagnose und Behandlung zu erlangen.
Was ist Hyperakusis?
Hyperakusis beschreibt eine verminderte Toleranz gegenüber Geräuschen. Betroffene reagieren äußerst empfindlich auf alltägliche Geräusche wie einen laufenden Wasserhahn, Gespräche oder Hintergrundgeräusche, die als überwältigend und störend empfunden werden können. Es gibt im Wesentlichen zwei Arten der Empfindlichkeit. Bei der Lautheitshyperakusis führen normale Geräusche zu unangenehmen körperlichen Empfindungen wie Druckgefühl im Ohr, Ohrenschmerzen oder Kopfschmerzen. Bei der Schmerzhyperakusis, auch Noxakusis genannt, treten brennende oder stechende Empfindungen in den Ohren auf.
Was verursacht Hyperakusis?
Hyperakusis ist häufig eine Folge von Schädigungen oder Funktionsstörungen des Hörsystems. Sie kann durch laute Geräusche, Kopfverletzungen, Migräne oder Ohrinfektionen ausgelöst werden. Auch Erkrankungen wie Bell’sche Lähmung oder Probleme mit dem Kiefergelenk können mögliche Auslöser sein.
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Weitere Erkrankungen, die mit Hyperakusis in Verbindung gebracht werden, sind die Menière-Krankheit, Borreliose, das Williams-Syndrom (eine genetische Erkrankung), PTBS, Epilepsie, zerebrale Lähmung und Autismus. Zudem leiden einige Menschen mit Hyperakusis an reaktivem Tinnitus oder Ohrensausen, das durch Geräusche ausgelöst wird. Diese Hörstörung ist selten, tritt jedoch bei Personen mit Tinnitus häufiger auf, wie die American Speech-Language-Hearing Association feststellt.
Behandlungsmöglichkeiten
Obwohl es keine Heilung für Hyperakusis gibt, bestehen verschiedene Ansätze zur Linderung der Symptome. Ein wesentlicher Aspekt der Behandlung ist die Berücksichtigung der zugrunde liegenden Ursache und des Schweregrads der Störung.
Zu den möglichen Behandlungsansätzen gehören:
- Beschallungstherapie: Diese Methode trainiert das Gehirn, besser mit Geräuschen umzugehen, indem es schrittweise an sanfte Klänge herangeführt wird.
- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT): Mithilfe der CBT werden Techniken erlernt, um emotionale Reaktionen auf Geräusche neu zu gestalten.
- Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT): Dabei werden leise Hintergrundgeräusche wie Regentropfen oder Wellenrauschen gehört. Dies kann helfen, unvorhersehbare Geräusche weniger aufdringlich erscheinen zu lassen. Es ist jedoch zu beachten, dass eine zu ruhige Umgebung die Hyperakusis verschlimmern kann.
Was ist Misophonie
Menschen mit Misophonie haben eine Abneigung gegen bestimmte Geräusche, die individuell variieren können. Diese Geräusche treten typischerweise wiederholt auf und werden oft mit menschlichen Handlungen in Verbindung gebracht, wie dem Kauen, Atmen, Stiftklicken oder Fingertippen.
Zwar empfindet jeder Mensch gewisse Geräusche als störend, doch Misophonie geht darüber hinaus. Diese Geräusche lösen intensive emotionale Reaktionen wie Wut, Panik oder Abscheu aus. Es handelt sich nicht einfach nur um ein Ärgernis, sondern um eine starke emotionale Reaktion, die Beziehungen belasten und die Betroffenen isolieren kann.
Die starke Intensität der Reaktion kann dazu führen, dass Betroffene Bewältigungsstrategien entwickeln, die sie von anderen distanzieren. Viele Menschen mit Misophonie berichten, dass sie sich gefangen fühlen, wenn sie ein auslösendes Geräusch hören, als ob ihr Gehirn in einer Kampf-oder-Flucht-Reaktion feststeckt. Einige Betroffene meiden Familienessen, weil das Geräusch des Kauens bei ihnen Wut oder Panik auslöst. Einige tragen bei der Arbeit geräuschunterdrückende Kopfhörer, um sich nicht durch die Gewohnheiten ihrer Kollegen, wie das Tippen auf der Tastatur oder das Stiftklopfen, gestört zu fühlen.
Misophonie kann einen erheblichen Teil der Bevölkerung betreffen und scheint laut einer Zusammenfassung von Studien, die in der Fachzeitschrift PLoS One veröffentlicht wurde, bei Frauen häufiger aufzutreten.
Was ist die Ursache?
Die Ursache von Misophonie ist nicht eindeutig geklärt, könnte jedoch eine Kombination mehrerer Faktoren umfassen. Dazu zählen Unterschiede in der Gehirnstruktur und eine familiäre Vorgeschichte. Zudem wird Misophonie mit verschiedenen anderen Erkrankungen in Verbindung gebracht, darunter ADHS, Autismus, Zwangsstörungen, PTBS und Tourette-Syndrom.
Zusätzlich wird Misophonie auch mit anderen Hörstörungen und Symptomen assoziiert, wie Hörverlust, Tinnitus und Hyperakusis.
Behandlungstaktiken
Für Misophonie gibt es keine Heilung, jedoch verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören:
- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT): Diese Therapiemethode kann helfen, die emotionale Reaktion auf auslösende Geräusche neu zu gestalten.
- Geräuschunterdrückung: Hilfsmittel wie geräuschunterdrückende Kopfhörer oder weißes Rauschen können dabei unterstützen, stressverursachende Geräusche zu minimieren. Auch Ohrstöpsel und das Hören von Hintergrundgeräuschen können hilfreich sein.
- Expositionstherapie: Die schrittweise Konfrontation mit auslösenden Geräuschen kann für manche Betroffene hilfreich sein.
- Wertorientierter Ansatz: Für einige kann die Expositionstherapie zu belastend sein. Eine alternative Strategie besteht darin, den Grund zu erkennen, warum unangenehme Situationen gemeistert werden sollen.
Was ist Phonophobie
Phonophobie bezeichnet die Angst vor bestimmten, häufig lauten oder unerwarteten Geräuschen wie Alarmen, Sirenen, Schreien oder Feuerwerk. Es handelt sich um eine angstbasierte Reaktion, im Gegensatz zur Misophonie, bei der die Reaktion eher aus Irritation oder Wut besteht. Betroffene sind sich bewusst, dass bestimmte Geräusche Stress auslösen können, und meiden daher oft laute Umgebungen wie Konzerte oder Feuerwerke. Besonders in der Stadt, wo Sirenen regelmäßig erklingen, kann die Vermeidung lauter Geräusche herausfordernd und isolierend wirken. Einige tragen ständig Ohrstöpsel bei sich, während andere hypervigilant werden und jederzeit mit lauten Geräuschen rechnen.
Behandlungsmöglichkeiten
Zu den gängigen Behandlungsmethoden der Phonophobie zählen:
- Belichtungstherapie: Diese Therapie kombiniert das Hören von allmählich lauter werdenden Geräuschen mit Entspannungsübungen, um die Toleranz gegenüber Geräuschen zu erhöhen.
- Trauma-informierte Therapie: Diese Behandlungsstrategie befasst sich mit den zugrunde liegenden Auslösern und untersucht, warum bestimmte Geräusche Angst und Stress hervorrufen. Sie zielt darauf ab, die emotionale Reaktion auf diese Geräusche zu verstehen und zu mildern.
- Toleranzkontrolle: Erdungsübungen, Achtsamkeit und kognitive Umstrukturierung können dabei helfen, negative Gedanken über laute Geräusche zu reduzieren.
Weitere Störungen in der Geräuschempfindlichkeit
Weitere Störungen der Geräuschempfindlichkeit sind:
- Akustischer Schock (AS): Dies beschreibt eine psychologische Reaktion auf unerwartet laute Geräusche. Zu den möglichen Symptomen zählen Ohrenschmerzen, Tinnitus und eine erhöhte Geräuschempfindlichkeit. Obwohl diese Reaktion häufig nur vorübergehend auftritt, kann sie manchmal auch länger anhalten. Ein Beispiel für eine akustische Schockreaktion ist eine plötzliche Explosion in einem Film, die einen lauten Ton erzeugt.
- Tonisches Tensor-Tympani-Syndrom (TTS): Der Musculus tensor tympani, der sich hinter dem Trommelfell befindet, zieht sich bei lauten Geräuschen zusammen, um das Innenohr zu schützen. TTS entsteht, wenn dieser Muskel überaktiv wird und unwillkürliche Krämpfe verursacht. Zu den Symptomen gehören Tinnitus und ein flatterndes Gefühl in den Ohren. Dieses Syndrom ist oft mit Angst und der Furcht vor lauten Geräuschen verbunden.
So erhalten Sie Unterstützung
Ein HNO-Arzt kann eine Geräuschüberempfindlichkeit diagnostizieren, indem er in der Regel eine Anamnese aufnimmt, eine Hörprüfung durchführt und die Ohren körperlich untersucht. Ein weiterer wichtiger Test ist der sogenannte LDL-Test (Loudness Discomfort Level). Dieser Test ermittelt die Lautstärken, Tonhöhen und Frequenzen, bei denen Geräusche für die Patienten unangenehm laut werden, und vergleicht diese Werte mit normativen Standards. Unabhängig von der Ursache oder dem spezifischen Zustand sollten diese Beschwerden ernst genommen werden. Geräuschempfindlichkeit ist keine bloße Eigenheit – sie kann ein erhebliches Hindernis für ein erfülltes Leben darstellen.
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